Kennst du das? Du liegst abends im Bett, das Licht ist aus, und trotzdem läuft ein einziger Satz immer wieder durch deinen Kopf. Derselbe Moment, dieselbe Szene, wieder und wieder. Ein Kollege, der kurz angebunden geantwortet hat. Ein Partner, der etwas vergessen hat. Ein Kind, das die Tür zugeknallt hat. Die Situation selbst ist längst vorbei. Aber du bist immer noch mittendrin.
Lange habe ich gedacht, das Problem sei die Situation selbst. Also habe ich versucht, die Situation zu ändern: anders kommunizieren, mehr Kontrolle, besser planen. Bis ich verstanden habe, dass fast nie die Situation das Problem ist, sondern der Gedanke, den ich mir ungefragt darüber gebildet habe.
Die Autorin Byron Katie hat dafür eine einfache Übung entwickelt, die mich seitdem begleitet: einen belastenden Gedanken nicht zu glauben, sondern ihn zu befragen. Nicht ihn wegzudrücken, sondern ihn anzuschauen.

1. Der Gedanke ist nicht die Wahrheit, er ist eine Interpretation
Wenn dein Kollege kurz angebunden antwortet, ist das eine Tatsache. „Er findet mich unfähig“ ist keine Tatsache, das ist eine Geschichte, die du in diese Tatsache hineingelegt hast. Die Geschichte fühlt sich wahr an. Das macht sie noch lange nicht wahr.
2. Frag dich, ob du es wirklich weißt
Bevor du den Gedanken glaubst, halt kurz inne und frag dich: Weiß ich das wirklich, oder nehme ich nur an? In den meisten Fällen kennst du die tatsächlichen Gründe für das Verhalten eines anderen Menschen gar nicht. Du füllst die Lücke mit deiner eigenen Angst.
3. Schau, was der Gedanke mit dir macht
Ein Gedanke wie „Er findet mich unfähig“ macht etwas mit deinem Körper, bevor er überhaupt geprüft ist. Die Schultern gehen hoch, der Atem wird flacher, die nächste E-Mail liest sich plötzlich ganz anders. Du reagierst nicht auf die Situation. Du reagierst auf den Gedanken über die Situation.
4. Frag dich, wer du ohne diesen Gedanken wärst
Das ist der Teil, der mich am meisten verändert hat. Stell dir denselben Moment vor, ganz ohne die Geschichte dazu. Der Kollege antwortet kurz. Du liest es, denkst „vielleicht hat er gerade viel zu tun“ und machst weiter. Kein Kloß im Magen. Kein Gedankenkarussell um Mitternacht. Derselbe Moment, aber du bist nicht mehr mittendrin.
Ich sage nicht, dass jeder belastende Gedanke falsch ist. Manche Sorgen sind berechtigt, manche Kritik ist zutreffend. Es geht nicht darum, alles schönzureden. Es geht darum, den Gedanken erst zu prüfen, bevor du ihm dein ganzes System überlässt.
Nimm dir diese Woche einen einzigen Gedanken vor, der dich in letzter Zeit nicht losgelassen hat. Schreib ihn auf einen Zettel. Und frag ihn: Bist du wirklich wahr? Du wirst überrascht sein, wie viel Ruhe allein diese eine Frage zurückbringt.
Geschrieben von Thorsten Enderlin
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